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“Wir alle sind Herdentiere.”

Alexander Buresch (46) ist Lehrer im Studio „Yoga West“, das direkt in seiner Nachbarschaft liegt. 1997 zog er aus „Schwäbisch-Sibirien“ – Mögglingen bei Schwäbisch Gmünd – in den Stuttgarter Westen. Er hat an der Filmakademie studiert und arbeitet heute als Drehbuchautor, unter anderem für den „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ oder Spielfilme wie „Lila, Lila“ und „Jugend ohne Gott“.

 

Für Alexander Buresch schreitet sie stetig voran, die „Prenzlbergisierung“ der Schwabstraße. Sie zeigt sich für ihn an schicken Läden, die Filzkissen verkaufen und an den Kinderwägen, daran, dass viele der althergebrachten Kneipen wie Willis Ofengabel oder Institutionen wie das Café Soho „mit seinem schmuddeligen Thunfischtoast“ längst dichtgemacht haben. Letzteres, weil der Hausbesitzer kürzere Öffnungszeiten am Abend forderte. Stattdessen öffnen neue Tagescafés – und an jeder Ecke Tattoostudios. „Gibt es überhaupt noch jemanden mit Platz auf der Haut im Westen?“

Beobachten, was vor seiner Haustür passiert, das bedeutet für Buresch als Drehbuchautor Inspiration. Er liebt die Gründerzeitbauten, die alten Fassaden, die vielen Bäume.

„Ich verbringe die meiste Zeit allein mit mir vor dem Computer“, sagt er, wenn er nicht gerade mit seinem Notebook im Café Cappuccino trinkt, um Eindrücke aufzusaugen, Geräusche, das Leben auf der Straße. Von seinem Schreibtisch zuhause blickt er auf den Hinterhof. „Dann sehe ich diese ganzen Menschen, die ich auf der Straße nicht erkennen würde und die doch zu meinem Alltag gehören“, beschreibt er. „Ich habe immer das Gefühl, jemanden nah um mich zu haben, aber wir rücken uns auch nicht zu sehr auf die Pelle.“

Jeder Austausch untereinander, jedes Gespräch ist für ihn ein Stück Selbstvergewisserung: „Der Mensch ist eben ein Herdentier. Wir brauchen andere, um uns selbst zu spüren. Wie ich die Welt und ihre Probleme sehe, das teilen andere Menschen auch mit mir.“ Da ist die Nachbarin mit ihrem Hund, die er oft bei ihrer Gassirunde trifft. Gemeinsam ärgern sie sich dann manchmal über die Autos, die die ganze Gutenbergstraße vollparken, erzählt Buresch. „Und auf der anderen Seite sind da die Autofahrer, die sich aufregen, keinen Parkplatz zu finden.“ Da sind die, die mehr Radwege wünschen – und die, die am liebsten gar keine wollen. „Ich finde es schade, wie oft es Hauen und Stechen gibt wegen unterschiedlicher Ansichten. Auch wegen der Neugestaltung des Bismarckplatzes schlagen sich die Anwohner manchmal fast die Köpfe ein.“ Sein Geheimrezept dagegen: Durchatmen und Entspannen.

Bureschs` Arbeit ist manchmal einsam, oft zäh, immer Kopfsache. Als Ausgleich zum Dauersitzen begann er vor mehr als 15 Jahren damit, „sich wie eine Brezel zu biegen.“ Jeden Freitagmorgen macht sich der 46jährige auf den Weg ins Studio „Yoga West“, keine fünf Minuten Fußweg, wo er seit 2012 selbst unterrichtet. Am Eingang warten schon Rentnerin Gisela und Ingenieur Basti, mehr als dreißig Lebensjahre trennen die beiden. Gisela kann den Arm wegen einer Verletzung gerade nicht so hoch strecken. Neben ihr macht Basti mitten im Raum einen freien Handstand. Der Kurs bringt Menschen zusammen, Matte an Matte, die sonst kaum Berührungspunkte hätten. Und nach dem Kurs, so das Ritual von Buresch, geht ein Teil der Gruppe gemeinsam Mittagessen.

Vielleicht, glaubt Buresch, wäre unsere Gesellschaft eine bessere, eine ausgeglichenere jedenfalls, wenn wir alle hin und wieder Körper und vor allem unseren Geist dehnen würden. „Es macht keinen besseren Menschen aus dir, aber es hilft“, sagt Buresch. „Es gibt diesen Spruch: Wenn du ein Dieb bist, macht Yoga einen besseren Dieb aus dir.“ Was er sich wünschen würde: mehr Solidarität und Gelassenheit.

„Es gibt eine Angst vor Veränderung, die jeder von uns kennt. Auch ich. Wir nehmen Neues als etwas Bedrohliches wahr.“ Die Angst, etwas zu verlieren, etwas weggenommen zu bekommen, stehe der Solidarität im Weg: „Doch wir können nicht verhindern, dass sich Dinge verändern. Also sollten wir die Veränderung akzeptieren und sie mitgestalten. Gemeinsam. Und ich bin schon jetzt gespannt: Was folgt nach den Tattoo-Studios?“