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“Wir passen aufeinander auf.”

Sabine Boss (56) ist seit dreißig Jahren in der Touristik-Branche tätig. Die ausgebildete Hotelfachfrau hat in Ägypten als Reiseleiterin gearbeitet und 2003 ihr Reisebüro „Boss Travel“ eröffnet. In der Schwabstraße lebt und arbeitet sie im selben Haus.

 

HABEN SIE ANGST IRGENDWANN ÜBERFLÜSSIG ZU SEIN?

SB Die Kunden sind heute informierter, sie wissen, was sie wollen. Doch gerade die Jüngeren kommen und lassen sich beraten, die Generation Internet, die ein, zwei Mal auf die Nase gefallen sind und merken, dass es online jede Menge Schmu und Mogelpackungen gibt. Im Gegensatz zu Online-Agenturen fühle ich mich für jede Reise verantwortlich. Ich kenne die Befindlichkeiten meiner Kunden, freue mich, wenn jemand nach längerer Zeit wiederkommt oder sich nach der Reise meldet – leider gibt es oft kein Feedback, wenn alles gut lief. Wenn etwas schiefgeht hingegen … Ich bin Dienstleisterin und habe inzwischen genug Menschenkenntnis und Erfahrung, um zu merken, wer nur meine Beratung „klauen“ möchte. Glücklicherweise kommt das selten vor. Ich bin über WhatsApp mit vielen meiner Kunden vernetzt. Letztes Jahr war ein Kunde während der Terroranschläge in Barcelona. Dann hake ich sofort nach, erkundige mich. Wenn so Dramen kommen, Streik, ein Vulkanausbruch, dann bin ich für sie da. Das bedeutet für mich Betreuung.

WAS BEDEUTET IHNEN IHR BERUF?

SB Es gibt kein Schema F, jeder Tag ist anders. Ein Azubi von mir sagte einmal: „Wir verkaufen ein gutes Gefühl.“ Kommt jemand glücklich von einer Reise zurück, macht das zufrieden. Für viele ist ihr Urlaub das Highlight des Jahres. Sie dabei zu begleiten, ist schön. Das Los der Selbstständigkeit: Selbst komme ich momentan nicht viel weg, mal über die Brückentage in die Schweiz. Vor zwei Jahren war ich in Andalusien. Mit meinen Kunden reise ich an ihre Sehnsuchtsorte: Für den einen ist das Dubai, für den anderen der Bayerische Wald.

HALTEN WIR HEUTE ZUSAMMEN?

SB Wenn Jugendliche in der Bahn drei Sitze mit dem Rucksack in Beschlag nehmen und nicht für Ältere etwas Platz machen oder wenn ich die „Smombies“ sehe, die nur auf ihren Smartphone-Bildschirm starren, mache ich mir manchmal schon meine Gedanken. Mir hat man beigebracht, aufzustehen für Ältere, das sollte doch selbstverständlich sein. Dann wiederum bin ich oft überrascht, wie höflich und rücksichtsvoll viele Jugendliche sind. In der kleinsten Einheit, unserer Hausgemeinschaft, funktioniert unser Zusammenhalt sehr gut. Wir sind eine tolle Gemeinschaft und pflegen unser Miteinander, mit Festen im Hof und vielen Gesprächen, alle sind integriert. Im fünften Stock etwa lebt eine über 90 Jahre alte Dame. Die geht zu Fuß noch die Treppen hoch. Wir Bewohner passen immer auf und kümmern uns. Wir stellen sicher, dass jemand von uns mindestens einmal am Tag danach schaut, ob alles in Ordnung ist. Es gibt diesen alten Spruch: „Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück …“ Die kleinen Gesten sind entscheidend, ein Lächeln, ein freundliches Wort, miteinander ist doch viel schöner als gegeneinander, weg von dieser Ellbogen-Gesellschaft.