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“Wir müssen uns geistig umarmen.”

Ralf Reisch (58) ist Markthändler und lebt im Stuttgarter Westen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jens Schöne verkauft er Obst und Gemüse aus dem Remstal auf dem traditionellen Wochenmarkt auf dem Bismarckplatz – eine Institution im Viertel.

 

RR Nähe suchen und finden, das zeichnet eine Gesellschaft aus. Wenn jeder Einzelne für sich ein klein wenig anders mit seinem Gegenüber umgehen würde, wäre uns allen viel geholfen. Wenn wir Interesse aneinander zeigen – nicht vorgeschoben oder heuchlerisch, sondern ehrlich. Schließlich hat jeder einmal Hilfe notwendig. Mir hilft es, mich darauf verlassen zu können: Im Zweifel ist da jemand, ein Nachbar, ein Freund, ein Fremder, der mich unterstützt.

Gehe ich gut mit anderen Menschen um, bin ich freundlich und respektvoll, kommt das genauso zu mir zurück. Diese Erfahrung mache ich immer wieder. Ich habe jahrelang in Spanien gelebt. Im Vergleich dazu sind wir hier oft reservierter und zurückhaltender. In unserem Haus leben viele junge Leute, wir tauschen uns aus, sprechen viel miteinander. Doch einige, so mein Eindruck, suchen gar keinen Kontakt mehr zu den anderen. Sprachbarrieren hemmen den Austausch zwischen den Kulturen, die Tür an Tür miteinander leben. Ich mag diese Mischung, die sich auch auf dem Wochenmarkt auf dem Bismarckplatz spiegelt. Da sind die jungen Familien, die Spanier, die Italiener und Türken, die Stammkunden und vor allem die vielen älteren Menschen. Bei ihnen spüre ich oft, wie wichtig ihnen die Gespräche sind. Der Austausch zählt mindestens so viel wie das frische Gemüse. Es geht um das Erlebnis, weit über das Einkaufen hinaus. Persönlichkeit ist dabei wichtig – und die Kommunikation: Wir scherzen mit unseren Kunden, geben Rezepttipps. Sie erzählen vom geplanten Abendessen, wer zu Besuch kommt, ich zeige ihnen Fotos meiner kleinen Tochter. So lernen wir uns plötzlich auf eine andere Weise kennen, ich bin nicht mehr nur der Händler.

Die meisten wollen nur das Beste: bio, gesund, ungespritzt, aber natürlich makellos und unversehrt.

Doch das sind Punkte, die sich oft gegenseitig ausschließen. Dann erklären wir: Unsere Äpfel sind kleiner, weil sie ungespritzt sind. Sie sind von Obstbauern aus der Region, aber haben vielleicht die ein oder andere Macke – wie du und ich eben auch. Alles haben geht nicht und niemand ist perfekt. Den anderen geistig zu umarmen – das finde ich wichtig.

Warum lernen Kinder zuerst binomische Formeln und Grammatik in der Schule? Wir sollten lieber vermitteln, wie wir uns als Mensch integrieren, wie wir fühlen, was wir miteinander sind, wie wir das Gesellschaftliche fördern – und viel öfter sollten wir die Kinder einfach machen lassen. Was bedeutet ein gutes Leben? Wie schützen wir unseren Planeten – und unsere Gemeinschaft? Darauf kommt es an.