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“Wir brauchen eine Diskussionskultur.”

Klaus Teichmann (49) ist Soziologe, Journalist und neuerdings Kneipier. Er lebt seit 2005 im Stuttgarter Westen. 2019 hat er als neuer Pächter „Rosis Pinte“ übernommen. Urwirtin und Namensgeberin Rosi, eine Österreicherin, soll sie vor gut vierzig Jahren gegründet haben.

 

KLAUS TEICHMANN, WIE WIRD ZUSAMMENHALT IN IHRER PINTE GELEBT?

KT Der persönliche Bezug ist intensiv. Wir kennen uns mit Namen. Ich weiß bei den meisten Gästen gleich, welches Getränk sie wollen. Als Soziologe sage ich: Zusammenhalt bedeutet, niemanden auszuschließen. Rentner, Studenten, Arbeiter, Alteingesessene, Zugezogene, Linke, Konservative sitzen nebeneinander an der Theke. Die Diskussionskultur ist lebhaft. Andere Meinungen aushalten können, das ist entscheidend. So unterschiedlich die Leute und Ansichten auch sind, sie respektieren sich. Hier erklärt ein Hip-Hopper schon mal den Stammgästen, was Rappen und Scratchen ist, also das kratzende Hin- und Herbewegen einer Schallplatte. Und die zeigen ihm, wie eine E-Zigarette funktioniert. Unsere Kneipe soll wie ein Marktplatz sein, wo alle willkommen sind und sich austauschen. Manche sitzen jeden Tag am gleichen Platz. Für einige Westler ist das ihr zweites Wohnzimmer, ein Ort gegen die Alterseinsamkeit. Das Klischee stimmt: Als Kneipier bist du Zuhörer, Psychologe. Und notfalls bringen wir auch mal einen Gast nach Hause, wenn er zu viel getrunken hat.

DIE KLASSISCHE ECKKNEIPE STIRBT AUS. SIE KÄMPFEN FÜR DEN ERHALT. WARUM?

KT Viele der Gäste leben schon immer hier. Wir wollen ein Nachbarschaftstreff sein. Hochglanzläden gibt es genug, Edelgastronomie mit teuren Cocktails. Über den Preis findet Ausschluss statt. Wir wollen originell sein, ein schräges Lokal. Den Oldschool- Charme übersetzen wir ironisch ins Trashige mit röhrendem Hirsch an der Wand und Plastikrosen in der Vase. Nur Schlager lassen wir weg. Den Stammgästen habe ich erklärt: Fast alles soll bleiben, wie es ist. Zugleich will ich die Kneipe für neues Publikum öffnen, Ausstellungen organisieren, Konzerte, Vorträge über Feminismus und Klimawandel. Als Team von zehn Freunden ziehen wir die Pinte gemeinsam auf. Die Nachbarschaft findet gut, dass hier was passiert. Wir haben am Anfang einen Brief geschrieben, uns vorgestellt, zur Eröffnungsfeier waren viele Anwohner da. Wenn wir unsere laute Klimaanlage nachts vergessen auszumachen, kriegen wir schon mal einen Verweis. Wir versuchen, dass niemand sich gestört fühlt von uns. Die Stadt ist hinterher, dass keine Partymeile entsteht. Doch das wollen wir gar nicht.

WAS MACHT DIESES VIERTEL FÜR SIE SO BESONDERS?

KT Die Durchmischung, das bunte Metropolpublikum, lebendig, immer im Wandel. Hier lebt eine aufgeklärte Stadtbevölkerung, wo Milieus aufeinanderprallen. Wir haben beispielsweise einen Stammgast, der schon ewig in Deutschland ist, seinen türkischen Pass nicht abgeben will, Erdogan gut findet. Er hat sich mit Paul angefreundet, der einen sehr liberalen, alternativen Verlag leitet. Nun spielen sie jeden zweiten Tag Darts, sind in einer Fußballmannschaft und lernen gemeinsam für seinen Personenbeförderungsschein. Leute mit unterschiedlichsten Hintergründen und Ansichten kommen zusammen, die sonst keine Berührungspunkte hätten. Politische Meinungsverschiedenheiten räumen sie beim Bier aus – oder diskutieren zumindest und entdecken Gemeinsamkeiten. So entsteht Gemeinschaft. In der Schwabstraße gibt es so eine Westidentität, eben dieses Gemeinschaftsgefühl. Was ich mir wünsche: Mehr Fahrräder, weniger Verkehr, dass die Mieten nicht explodieren. Dass wir den Mut haben, aktiv zu werden, uns für unser Quartier einsetzen – wenn es sein muss, auch mal ein Haus besetzen.