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“So kommen wir nicht weiter.”

Jürgen Bauer (51) ist seit zehn Jahren das Gesicht des „Tabak Reich“. Der gelernte Kinoanlagen-Techniker wohnt gegenüber des seit 1960 bestehenden Geschäfts. Mit den meisten seiner Kunden pflegt er ein vertrauensvolles Verhältnis – weswegen er nicht nur die präferierte Zigarettenmarke jedes Einzelnen kennt.

WAS HÄLT AUS IHRER SICHT UNSERE GESELLSCHAFT ZUSAMMEN?

JB In erster Linie fördern natürlich Eigenschaften wie Freundlichkeit und Offenheit den Zusammenhalt. Denn nur so können wir mehr Verständnis füreinander entwickeln. Aber klar, dafür müssen wir alle etwas tun. Also nicht nur Dinge fordern, sondern auch selbst in Aktion treten. Insbesondere, wenn jemand neu hier ins Viertel kommt. Wir als „Eingesessene“ sollten den Leuten die Integration erleichtern, indem wir ihnen offen begegnen. Aber genauso ist es die Pflicht der neuen Bewohner, sich etwas anzupassen, die Regeln zu respektieren und auf die Menschen zuzugehen. Dann funktioniert das auch – und zwar unabhängig, woher sie kommen.

WIE WICHTIG IST ZUSAMMENHALT FÜR DIE INTEGRATION VON NEUEN ANWOHNERN?

JB Sehr wichtig. Und hier funktioniert Integration auch meistens. Aber das ist eben nicht selbstverständlich – und vor allem keine Einbahnstraße. Nebenan hat beispielsweise eine syrische Flüchtlingsfamilie vor einiger Zeit den Dönerladen übernommen. Und glauben Sie mir, selbst hier im Viertel gab es Menschen, die ihnen anfangs eher mit Skepsis oder Ablehnung begegnet sind. Aber diese Leute sind dennoch allen gegenüber immer freundlich und offen geblieben – und waren dabei sehr hartnäckig. Genauso wie mit ihrer Arbeit. Und so hat sich aus einem früher eher schlecht gehenden Laden ein sehr beliebtes Lokal entwickelt. Auch, weil sie sich durch ihr Handeln selbst sehr beliebt gemacht haben.

WAS KÖNNEN WIR DARAUS FÜR DIE WIR-GESELLSCHAFT ABLEITEN?

JB Dass es jeder selbst in der Hand hat, Teil einer zusammenhaltenden Gesellschaft zu werden. Oder kurz gesagt: Jeder ist seines Glückes Schmied. Dazu gehört übrigens auch, Sachverhalte nicht nur aus seiner eigenen Sicht zu betrachten, sondern auch die Perspektive des anderen einzunehmen. Und daraus lässt sich ein guter Mittelwert finden, der wiederum eine wunderbare Grundlage für ein entspanntes Miteinander ist. Denn eins ist klar: Stur ausschließlich seinen eigenen Vorteil im Auge zu haben und durchzusetzen, bringt am Ende des Tages nur Missgunst. Und vor allem unsere Gesellschaft keinen Schritt weiter.