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“Mehr miteinander schwätzen.”

Justin Bosch (38) ist Bäcker und Vater einer kleinen Tochter. Seit fast 110 Jahren ist der Familienbetrieb in der Schwabstraße. 2013 hat Bosch die Bäckerei von seinen Eltern in vierter Generation übernommen. Er arbeitet mit seinen zwei Schwestern eng zusammen: Leonie Schoch (43) ist Konditormeisterin und Fanny Gutekunst (33) gelernte Hotelfachfrau.

 

JB Der Zusammenhalt in unserer Familie ist für mich ganz entscheidend. Ohne meine Schwestern könnte ich das alles hier nicht machen – und sie nicht ohne mich. Wir sind aufeinander angewiesen, greifen ineinander. Es geht nur Hand in Hand. Wir ziehen an einem Strang und haben das gleiche Ziel. Wir wollen die Tradition fortführen und uns doch immer weiterentwickeln.

Zu uns kommt ein Querschnitt der Gesellschaft, Alt und Jung, Ärmere und eher Wohlhabende. Brezeln und Brötchen braucht fast jeder. Wir sind gefühlt schon immer da – sind demütig und dankbar dafür. Manchmal staune ich selbst, wenn die Kunden am Samstag bis zur Straße Schlange stehen für ein paar Frühstückscroissants oder einen weiteren Weg auf sich nehmen. Damit im Winter niemand vor der Türe friert, schenken wir an den Adventswochenenden heißen Punsch aus. Es gibt an jeder Ecke einen Bäcker, oft eine Kette, und dennoch kommen sie zu uns. So selbstverständlich ist das in der heutigen Zeit nicht. Sonntags haben wir bewusst zu, auch wenn da gewiss viel los wäre. Doch mir ist die Familie wichtiger als ein paar Euro mehr Umsatz. Vor Kurzem bin ich zum ersten Mal Vater geworden. Ich merke, wie sich meine Prioritäten, die Werte nun verschieben. Mir ist es wichtig, Zeit zu Hause zu verbringen und nicht nur in der Backstube zu stehen.

Ich finde, unsere Straße hat sich positiv gewandelt: Es gibt hier einfach alles. Keiner muss im Internet bestellen – auch wenn es dennoch jeder macht, ich zugegebenermaßen auch. Die Schattenseiten: Selbst Gutverdiener können sich heute kaum noch eine Wohnung hier leisten, wenn die Miete schnell mal 2.000 Euro kostet. Das finde ich schon heftig und erschreckend.

Es wird immer enger, immer mehr Autos sind unterwegs, die Parkplatzsuche ist nervenaufreibend. Bisweilen sind die Anwohner eine Stunde auf der Suche. Nur nachts, wenn ich um drei Uhr morgens zur Arbeit fahre, dann ist alles ruhig und der Bürgersteig hochgeklappt. Meine Botschaft an die nächste Generation: Sprecht mehr miteinander, geht aufeinander zu, nicht nur digital. Viele junge Leute stehen mittlerweile mit dem Smartphone in der Bäckerei. Das finde ich schade. Ich glaube, es verlagert sich zu viel in die digitale Welt. Jeder gibt dort seinen Senf dazu, viele pöbeln, sind aggressiv. Wenn ein Kunde die Brezel mal etwas „lätschig“ findet, soll er es mir persönlich sagen. Dann kann ich darauf eingehen. Auf einen anonymen Kommentar nicht. Besser wäre es ohnehin, wenn wir mehr miteinander schwätzen würden, nicht gegeneinander.