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Der Mikrokosmos Schwabstraße

Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung, kommt regelmäßig auf einen Espresso und eine Zigarre oder Pfeife in das „Tabacum“ im Stuttgarter Westen. Seine Lieblingsecke ist der rote Salon, die Raucherlounge.

 

HERR DAHL, WAS MACHT FÜR SIE DEN REIZ IN DIESEM VIERTEL AUS?

CD Wenn ich durch die Schwabstraße gehe, genieße ich, wie sich das öffentliche Leben immer mehr auf die Straßen und Plätze verlagert, wie viele Tische draußen stehen und wie viele Menschen sich dort treffen. Aus meiner Sicht ist das eine durchweg positive Entwicklung, die Berührungspunkte schafft. Räume spielen eine große Rolle für unseren Gemeinsinn. Architektur fördert im Idealfall die Gemeinschaft: Fühle ich mich wohl in einer Straße? Gibt es Begegnungsorte? In der Schwabstraße funktioniert das. Es findet sich ein Mix aus Gastronomie, Kultur, Handwerkern, mit kleinen Werkstätten in den Hinterhöfen, vielen inhabergeführten Geschäften statt großen Ketten. So entsteht ein Stadtviertel zum Wohlfühlen mit Kiezcharakter und einer sehr persönlichen Atmosphäre, geprägt von unterschiedlichsten Kreisen und Schichten auf engstem Raum.

DIE SCHWABSTRASSE ALS SPIEGEL DER GESELLSCHAFT: INWIEWEIT TRIFFT DAS AUS IHRER SICHT ZU?

CD In einem Mikrokosmos wie diesem, in dieser einen Straße, geht es im Kleinen um die ganz großen Themen: Globalisierung, Migration und Digitalisierung. Viele gesellschaftliche Herausforderungen sind im Alltag direkt spürbar: wenn etwa die Apotheke schließen muss als eine Folge des Internethandels, oder wenn es um Verteilungsprobleme geht, zum Beispiel beim Thema Wohnraum. Wenn sich selbst das bürgerliche Milieu, etwa der Handwerkermeister mit seiner Familie, die Miete kaum noch leisten kann, wenn es plötzlich um Zwangsmaßnahmen in Kommunen geht, um Enteignungen, kann die Stimmung schnell kippen. Viele haben aktuell die Sorge, abgehängt zu werden, ihren Job zu verlieren oder beruflich nicht mehr mitzukommen, weil ihnen eine Weiterbildung fehlt. Diese Verunsicherung in Teilen der Bevölkerung kann wiederum dazu führen, dass einige Sündenböcke suchen und anfällig für simple Parolen werden. Dann heißt es: „Migranten nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“ Verunsicherung und Misstrauen stören das Zusammenleben und beeinträchtigen den gesellschaftlichen Zusammenhalt – im Kleinen wie im Großen. Deswegen müssen wir uns überlegen, wie wir dieser Tendenz entgegenwirken können.

UND WIE KÖNNTE DAS AUS IHRER SICHT AUSSEHEN?

CD Jeder Einzelne muss befähigt werden, selbst Verantwortung zu übernehmen. Das Stichwort: Bildung, angefangen bei der frühkindlichen Erziehung. Es geht um Teilhabe. An erster Stelle steht dabei die Frage: Was ist Demokratie? Was leistet sie und wie kann ich mich dafür einbringen? Das müssen schon die jüngsten Bürger lernen. Bürgerschaftliches Engagement ist dafür entscheidend, sich gemeinsam zu organisieren, ein Projekt anzugehen, zusammen sein Quartier zu gestalten, wie die Händler und Anwohner hier am Hölderlinplatz. Ähnliche Interessen und Ziele verbinden. Auch wenn im Gemeinwesen oft Kompromisse notwendig sind und wir immer wieder vom eigenen Standpunkt abweichen müssen, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

WELCHE WERTE UND VORAUS SETZUNGEN SIND DAFÜR ENTSCHEIDEND?

CD Wer gesellig und tolerant ist, hat es einfacher. Wer sich verschließt, hat es oft schwerer. Doch auch jene dürfen wir nicht außer Acht lassen. Wir brauchen gemeinsame Regeln, für die wir alle einstehen. Heruntergebrochen auf eine Stadt wie Stuttgart ist es wichtig, nicht zu trennen, nicht abzuspalten: Wir müssen eine Ghettoisierung verhindern, den Rechtsstaat bewahren. Sicherheit spielt in solch einer Straße eine ganz entscheidende Rolle. Wer seine Mitmenschen im Blick hat, die Nachbarin, die zu vereinsamen droht, oder wer aufmerksam durch das Viertel geht, kann sehr viel dafür tun, dass unsere Gesellschaft funktioniert. Und wer sich sozial engagiert, profitiert letztlich auch selbst davon.

WAS IST DER SOZIALE KLEBSTOFF, DER UNS VERBINDET?

CD Gemeinsam genießen, zusammenkommen, sich austauschen, das ist elementar. Kultur, Kunst und eine gemeinsame Sprache sind natürlich gerade im Bereich der Integration elementar – Ausdrucksformen, die wir mit unserer Stiftungsarbeit fördern. Aber wir müssen auch anerkennen, dass es andere Prägungen gibt, andere Familienstrukturen und Lebensformen. In einem starken Gemeinwesen müssen wir uns gegenseitig respektieren und Verständnis zeigen und dabei die demokratischen Spielregeln einhalten. Vielfalt erfordert Offenheit. Sie kann bedeuten, dass Ängste und Abwehr entstehen, wenn andere Sprachen, andere Lebensformen aufeinanderprallen. Vielfalt kann im besten Sinne aber auch positiv wirken und befruchten, wenn wir Ideen aufgreifen und es keine Ausgrenzung gibt.